Mittwoch, 3. Mai 2017

Im Bann der grauen Nebel Teil 6

Aimee ging heute ganz langsam von der Schule zurück nachhause. Sie hatte keine Eile und dachte verzweifelt: „Was soll ich tun? Was soll ich nur tun, um diesem Grauen ein Ende zu setzen!“ Sie wollte nicht für alle Ewigkeit von dem Grau verfolgt werden! Nachdenklich hockte sie sich für einen kurzen Moment auf den Boden, an einen Baumstamm gelehnt. Sie versuchte, einen Zusammenhang zwischen allem, was passiert war, herzustellen. Erstens: Die dunkle Hexe von Arug, die Aimees Vorfahrin gewesen war und unschuldig verbrannt worden war, hatte dafür gesorgt, dass Aimee die Welt in grau sah, wenn es um Hexenverbrennung ging. Zweitens: An einem bestimmten Tag hatte alles begonnen, davor war die Statue völlig unwichtig in Aimees Leben gewesen. Drittens: Ihre Träume hatten ihr ein kristallenes Schwert gezeigt, mit dem man anscheinend das Grau zerstören konnte. Aber Aimee wusste nicht, wo sie dieses wundersame Schwert herkriegen sollte. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu erinnern. Kämpfe gegen deine Angst hatte auf dem Schwertknauf gestanden. Aber das hatte sie doch getan! Sie hatte gegen ihre Angst gekämpft, in dem sie der dunklen Hexe von Arug gegenüber getreten war. Das Schwert war so unwirklich erschienen, gar nicht wie ein echtes Schwert. „Ich habe eine graue Seite in mir“, dachte sie und schlug die Augen auf. Das Grau existierte nur in ihr. Dann wäre es doch logisch, wenn das kristallene Schwert genauso in ihr existierte? Zwei Seiten, in Aimee vereint. Diese Erkenntnis erstaunte sie. Die Sache war bloß, von der Existenz des kristallenen Schwertes war bisher noch nichts zu merken gewesen.

Aimee stand auf und ließ den Blick um ihre graue Umgebung schweifen. Sie hatte das Gefühl, die grauen Nebel schwächten sie. Doch momentan konnte sie das gar nicht gebrauchen, schließlich hatte sie das Grau zu besiegen. Aimee überlegte, ob im Traum der Ausruf, sie würde nach ihrem Tod weiterleben, so gemeint war, dass sie als Statue praktisch immer auf der Erde präsent sein würde. „Ich habe alles versucht“, dachte Aimee frustriert. „Wie soll es weitergehen?“ Sie erhob sich wieder, ruckte ihren Ranzen zu recht, dann fiel ihr Blick auf den Baumstamm, an den sie sich gerade gelehnt hatte. Gitta& Henry war darauf eingeritzt und noch zwei Worte: Liebe heilt.

Aimee runzelte die Stirn und ging weiter. Sie schlug bewusst den Weg ein, der an der Hexenstatue vorbeiführte. Dabei dachte sie daran, wie toll es war, dass Liebe heilen konnte. Als sie an der eisernen Statue vorbeikam, blieb sie stehen und sah zu der dunklen Hexe hinauf. Zum ersten Mal empfand sie wirklich Mitleid mit dieser Hexe, die verbrannt worden war, obwohl sie niemandem etwas Böses getan hatte. Die grauen Nebel waren noch immer da und schmerzten Aimee, doch sie konnten nicht verhindern, dass Aimee noch etwas anderes außer Abscheu für die dunkle Hexe von Arug empfand. Die Statue machte ihr auch immer noch Angst, doch gleichzeitig hatte sie das Gefühl, sie zu kennen. „Du hast mir fast den Verstand geraubt“, sagte Aimee fast wie zu sich selbst. „Aber vor so langer Zeit hast du so viel gelitten. Und deine grauen Nebel sind ein Teil von mir. Diesen Teil hast du erweckt.“ Stumm blickte Aimee die Statue an. Sie fühlte den Schmerz in sich, den die Hexe erlitten hatte. Dann dachte sie an all die Menschen, die sie liebte und mit denen sie mitfühlte und die sie ebenfalls liebten. Es war ein buntes Gefühl, stellte Aimee fest. Sie blickte an sich herunter und betrachtete ihr blaues T-Shirt. Es war tatsächlich blau! „Blau!“, dachte sie überrascht. „Nicht grau!“ Sie hob den Kopf und hätte fast aufgeschrien, als sie beobachtete, wie sich die Welt um sie herum veränderte. Es war, als würde ein Regenbogen durch die Gegend fließen und seine Farben überall versprühen. Die Bäume waren wieder grün, der Erdboden braun und sandfarben, die Blumen am Wegesrand helllila und der Himmel hellblau. Die Farben schienen neu zum Leben zu erwachen. Die Statue blieb, wie sie war, dennoch hatte Aimee den Eindruck, dass ihre Ausstrahlung nicht mehr so düster und trostlos war. Die Statue war weder so wie ganz am Anfang noch wie vor wenigen Tagen. Es war eine Statue mit einer langen Geschichte, doch sie war nicht mehr Furcht einflößend. Sie sprang auf, streifte ihren Ranzen auf und begann, vor lauter Glück, herumzutanzen. Die schmerzhafte, graue Leere in ihrem Innern hatte sich aufgelöst. Endgültig. Die Welt war so bunt wie seit Langem nicht mehr. „Das Kristallene Schwert“, schoss es Aimee durch den Kopf. „Das ist das Kristallene Schwert in mir!“ Ihre Liebe hatte tatsächlich geheilt. Die bunte Seite in ihr hatte über die grauen Nebel gesiegt. So schnell würde sie nichts mehr aus der Bahn werfen. Die dunkle Hexe von Arug hatte sie vollkommen verändert, das wusste sie. ENDE

Text// Pamina Kollien

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