In der
Pause standen Laura und Aimee mit jeweils einem Franzbrötchen in der Hand auf
dem Pausenhof, während Laura eifrig von dem vergangenen Wochenende erzählte, an
dem sie mit der Familie zelten gegangen war. „Es war wirklich abenteuerlich.
Wir haben uns tatsächlich am Bach gewaschen“, meinte Laura gerade begeistert,
ganz und gar in ihren Bericht vertieft, dann hielt sie plötzlich inne, um Aimee
prüfend anzuschauen, die gerade noch immer darüber nachgrübelte, was eigentlich
hier passiert war. „Was stimmt eigentlich nicht mit dir?“, platzte es aus ihr
heraus. „Du hörst mir gar nicht zu, das merke ich doch!“ „Ich…“, Aimee zögerte
einen Augenblick. „Ich weiß es nicht. Ich habe vorhin gesagt, alles wäre so
grau. Das ist wirklich so!“ „Aimee“, Laura schaute auf einmal ganz ernst. „Schon
gut. Wenn du irgendein Problem hast, dann raus damit!“ Aimee zögerte wieder und
sah in Lauras erwartungsvolles Gesicht. Es war doch alles so verrückt. Wie
sollte sie es Laura erklären? In dem Moment klingelte die Pausenglocke und nahm
ihr die Entscheidung ab. „Komm schon“, meinte Aimee und sprang hastig auf.
„Gehen wir!“
Es war ein schrecklicher Tag. Ein Tag voller
Düsternis und Trostlosigkeit, die einem im Herzen wehtun. Genau dieses Gefühl
besaß Aimee an diesem Tag. Sie fühlte sich ganz elend, als sie abends fröstelnd
unter die Bettdecke kroch. Draußen goss es wieder einmal wie aus Kübeln. Es
war, als würde der Himmel anstelle von Aimee in Tränen ausbrechen. Sie zog sich
die Bettdecke über den Kopf und fragte sich, warum es nicht eine Löschtaste
gebe, mit der man einzelne Tage einfach löschen könnte. Aber so einfach war es
im Leben dann doch nicht. Ihr kam ein schrecklicher Gedanke: Was war, wenn sie
nie wieder in bunt sehen könnte? Wenn die Welt von nun an nur noch grau wäre?
Wenn sie nie wieder das strahlende Blau das Himmels, das sanfte Rot der Tulpen
im Vorgarten und das leuchtende Orange ihrer Gardinen am Fenster sehen könnte?
Aimee wurde ganz schlecht vor lauter Angst. Sie schaffte es kaum,
einzuschlafen. Doch als sie am nächsten Morgen erwachte, war das erste, was sie
sah, die knallorangen Gardinen am Fenster. Aimee blinzelte und langsam wurde
ihr bewusst, dass ihr Zimmer ganz und gar in bunten Farben leuchtete. Das Grau
war verschwunden. Vor lauter Erleichterung seufzte sie einmal tief und drehte
sich um die eigene Achse, um sich zu vergewissern, dass alles so wie vorher
war. War das, was gestern passiert war, nur ein Traum? Doch in ihrem Innern
wusste Aimee, dass es kein Traum war. So verrückt es auch alles sein mochte.
In den nächsten Tagen verdrängte sie die
Tatsache, dass sie an dem einen Tag alles in grau gesehen hatte und redete sich
ein, dass dies alles gar nicht geschehen war. Laura sprach Aimee
glücklicherweise auch nicht mehr daran.
Am nächsten Montag kam Aimee in den
Geschichtsunterricht und setzte sich völlig arglos auf ihren Platz, wie immer.
Ihr Geschichtslehrer Herr Hagel klatschte in die Hände. „Heute beginnen wir ein
neues Thema“, verkündete er, nachdem er die Anwesenheitsliste durchgegangen
war. „Die Hexenverbrennung.“ Mit den Worten heftete er mit ein paar Magneten
ein großes Bild an die Tafel, auf dem eine Frau zu sehen war, die an einem
Pfahl gebunden war, während um ihre Füße Flammen aufloderten. Ein grausames
Bild, fand Aimee und schauderte. In den Augen der vermeintlichen Hexe, die auf
dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, stand blanke Angst. Aimee hatte das Gefühl,
dass sie kein Bild sah, auf dem mit ein paar einfachen Strichen etwas
gekritzelt worden war, sondern etwas, dass wirklich passiert war. Am liebsten
wäre sie aufgestanden und davongelaufen, um diese grausame Bild nicht mehr
sehen zu müssen. Doch sie blieb wie erstarrt sitzen und wandte den Blick nicht
ab, während sie bemerkte, dass die Welt um sie herum immer blasser wurde. Und
sie selbst auch. Die Farbe verschwand und wich wieder dem trostlosen Grau.
„Nein“, dachte Aimee mit verkrampften Händen. „Nein! Nicht schon wieder!“ Aber
sie konnte nichts dagegen tun.
Die nächsten Wochen wurden schrecklich für
Aimee, da sie jede Geschichtsstunde das Thema Hexenverbrennung hatten. Sie
begriff mit der Zeit, dass dieses Grau, oder die Grauen Nebel, wie sie sie nun
nannte, weil sie sich so boshaft in ihre bunte Welt schlichen, mit den Hexen zu
tun hatte. Schließlich hatte alles mit der Statue der dunklen Hexe von Arug
begonnen.
„Du bist so blass“, bemerkte Laura, nachdem
Aimee und sie nach einer weiteren grauenvollen Geschichtsstunde die Klasse
verließen, die wieder einmal jegliche Farbe verloren hatte. „Magst du das Thema
nicht?“ „Es ist abscheulich“, erwiderte Aimee und hatte das Gefühl, gleich
heulen zu müssen. „Die Hexenverbrennungen waren wirklich schrecklich“, stimmte
ihr Laura zu. „Versuch, es nicht allzu ernst zu nehmen.“ Doch wie sollte Aimee
etwas nicht ernst nehmen, was dafür sorgte, dass sie alles in grau sah?
Aimee schritt durch den Park, während es
bereits dämmerte. Alles um sie herum war still, während die Sonne hinter den
Bäumen unterging. Sie betrat die Lichtung, auf der Statue der dunklen Hexe
stand. Doch an dem Ort stand die Statue nicht mehr, stattdessen war da ein
leerer Fleck Sandboden. Verwirrt hielt Aimee inne: Wo war die Statue geblieben?
Kurz darauf hörte sie ein Geräusch neben sich und wandte sich um. Neben ihr
stand eine Kapuzengestalt, deren Haare fast bis zur Hüfte reichten. Es war die
dunkle Hexe, allerdings war sie jetzt nicht mehr aus Stein, sondern lebendig.
Aimee blieb wie erstarrt stehen. Sie wollte weglaufen, so schnell sie konnte,
doch sie war unfähig, sich zu bewegen. Sie war wie gelähmt, während ihr Herz
raste. Alles um sie herum wurde grau. Die dunkle Hexe schaute sie direkt an und
in ihren Augen lag eine unglaublich tiefe Traurigkeit. Ihr Gesicht war bleich
und ohne Leuchten. Als sie den Mund öffnete, kam kein Ton heraus, aber Aimee
sah, welche Worte sie mit dem Mund formte: Versuche
nicht, mich zu besiegen. Du wirst mir nicht entkommen.
Auf einmal kam Leben in Aimee. Sie drehte sich
um und rannte davon, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. Auf dem Weg
erblickte sie dann etwas Leuchtendes. Der Gegenstand bestand aus einem
geschliffenen Kristall, der die Form eines Schwertes hatte. Und in diesem
Schwert spiegelten sich alle Farben des Regenbogens, obwohl alles andere um
Aimee herum grau war. Nun verlangsamte sie ihr Tempo und bückte sich, um nach
dem Schwert zu greifen. Auf dem Schwertknauf waren die Worte Kämpfe gegen deine Angst eingemeißelt.
„Aimee!“, schrie jemand, im nächsten Moment
erwachte Aimee aus ihrem seltsamen Traum. Sie hatte keine Einzelheit davon
vergessen. „Komm, beeil dich“, sagte Mama und strich Aimee über den Kopf. „Du
musst zur Schule.“
Die hatte allerdings hatte noch nicht ganz
realisiert, dass sie geweckt worden war, und richtete sich mühsam auf.
Irgendwas unglaublich Merkwürdiges hatte sie
geträumt. Doch das Seltsame war, sie konnte sich gar nicht an ihren Traum
erinnern. Sie wusste nur, dass er sehr eindrucksvoll gewesen war. Beim
Frühstück versuchte sie, sich mit aller Kraft daran zu erinnern, doch sie
wusste es nicht mehr. Als sie die Augen schloss, huschte ein Bild in allen
Farben des Regenbogens durch ihren Kopf. „Guten Morgen, Aimee!“, rief in dem
Moment Sebastian, der hellwach zur Küchentür herein sprang und seine Schwester
damit aus ihren Gedanken riss. Er war absolut ein Morgenmensch, sodass er
morgens als einziger in der Familie schon vollkommen munter war.
Text// Pamina Kollien
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