Im Bann der grauen Nebel
Alles begann mit der unheimlichen Statue. Jeden
Tag ging Aimee durch den kleinen Park, in dessen Mitte eine eiserne Statue
stand. Sie durchquerte ihn, wenn sie zur Schule ging, auf dem Weg zum Einkaufen
war oder die Bushaltestelle erreichen. Täglich ging sie zuerst über den kleinen
Pfad, dann über den breiten Sandweg, der zwischen ein paar Bäumen längs führte,
und dann an der Statue vorbei zur Straße. Die Statue stellte eine Frau in einem
weiten Umhang dar, deren langen Haare fast bis zur Hüfte reichten. Aimee wusste
nicht viel über diese Statue, sie hatte nur mal das kleine Messingschild
gelesen, auf dem stand Die dunkle Hexe
von Arug. Aber sie machte sich nie viele Gedanken darüber, außerdem ging
sie so oft an der Statue vorbei, dass sie sie gar nicht mehr wahrnahm. Da ahnte
sie noch nicht, dass sich das bald ändern würde.
An einem Tag stand Aimee morgens auf und
stellte als allererstes fest, dass sich ihre Füße wie Eisklumpen anfühlten. Kein
gutes Zeichen, fand sie. „Nimm einen Regenschirm mit, Liebes“, sagte Mama,
nachdem sie aus dem Fenster geschaut hatte und Aimee sich gerade auf dem Weg
zur Haustür befand. „Es schüttet wie aus Eimern, sieh dir das mal an! Das ist
ja unglaublich!“
Wenig später rannte Aimee mit triefend nassem Haar
durch den Park, während sie mit dem Regenschirm kämpfte, der sich durch den
starken Wind immer wieder umkrempelte und ihr so überhaupt keine große Hilfe
war. Am besten wäre es gewesen, gleich zuhause zu bleiben und sich mit einer
Tasse heißen Kakao aufzuwärmen. Stattdessen lief sie hier durch den Regen, bis
auf die Knochen durchnässt. Die Bäume zogen an ihr vorbei und schließlich auch
die Statue, die Aimee im Grunde gar nicht mehr sah. Doch heute war es anders. Heute
sah sie die Statue auf eine Art, wie sie es noch nie getan hatte. Eigentlich
warf sie nur einen Blick darauf. Die eiserne Frau mit der Kapuze blickte in die
Ferne, während der Regen ihr übers Gesicht rann. Es sah fast aus, als weinte
sie. Doch Aimee war sich sicher, dass die Tränen nicht nur traurig und voller
Schmerz wirkten, sondern auch voller Hass. Plötzlich blieb sie stehen und warf
einen zweiten Blick auf die Statue, da sie nicht glauben konnte, solch einen
Ausdruck in den Blick einer belanglosen Statue zu deuten. Es war doch bloß eine
Statue!
Trotzdem fühlte sich Aimee ganz seltsam, als
sie das Gesicht der Kapuzengestalt betrachtete: Sie hatte das Gefühl, die
Statue blickte sie direkt an, während der Regen über ihre Wangen lief. Aimee
blickte sich um: Es war der Park, durch den sie jeden Tag ging. Doch irgendwas
war anders. Aber Aimee konnte unmöglich sagen, was. Sie wandte den Blick von
der unheimlichen Statue ab und rannte davon.
Nach der Schule ging sie extra einen Umweg
durch den Park, um nicht an der Statue vorbeizumüssen. Es war zwar albern, aber
irgendwie machte die Statue Aimee Angst.
Text// Pamina Kollien
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