Als ich dreizehn Jahre alt war, schrieb ich für meine Großeltern diese Geschichte. Beide waren große Gartenfreunde und wünschten sich von mir eine Geschichte mit diesem Titel: Die Geschichte von dem Baum, der hüpfen konnte. Folgendes fiel mir dazu ein:
Es
war einmal ein kleiner Junge, der in einem Wald spazieren ging und die Bäume
betrachtete. „Sie stehen ihr ganzes Leben lang am selben Ort“, dachte er,
während er seinen Blick zu den Baumkronen, die sich ins Sonnenlicht reckten,
schweifte. „Sie können nicht laufen wie wir Menschen.“ Von einem Ahorn fielen
ein paar Samen zu Boden und einen davon griff sich der Junge, um ihn
mitzunehmen. Er schritt weiter durch den Wald und erblickte einen Schuh am
Waldrand. Der Schuh sah fast noch wie neu aus, wie der Junge feststellte,
nachdem er ihn eine Weile inspiziert hatte. Also füllte er ein wenig Erde in
den Schuh und grub den Ahornsamen hinein. Dann stellte er den Schuh zwischen
die anderen Ahornbäume und ging. Es vergingen Wochen, Monate und Jahre. Der
Samen in dem Schuh wuchs mit der Zeit zu einem kräftigen Bäumchen heran. Er
musste Trockenphasen, Regenzeiten und Stürme durchstehen, doch dann, eines
Tages, war er ein großer Ahorn geworden, der seine stämmigen Äste ans
Sonnenlicht reckte. Allerdings war er im Vergleich zu den anderen Bäumen ein
ziemlich kleiner Baum, dessen gesamte Wurzeln in einem Schuh steckten. Der
Schuh war ein wenig eingerissen und schäbig, doch er hielt den Kräften des
Ahorns stand. Sehr oft erblickte der Baum Menschen, die einen Waldspaziergang
machten, und musterte ihre Schuhe mit großer Begeisterung. „Sie haben zwei
Schuhe“, dachte er. „Ich besitze nur einen. Ob ich wohl trotzdem laufen kann?“
Er versuchte, seine Wurzeln zu bewegen, doch es klappte nicht; stattdessen wäre
er beinahe umgefallen. Eines Tages sah er ein kleines Mädchen, das lachend auf
einem Bein hinter seinen Eltern herhüpfte, weil es ihm Spaß machte. „Das muss
ich auch mal probieren“, überlegte der Baum und strengte seine Wurzeln im Schuh
kräftig an. Als es ihm gelang, war er ganz außer sich und hüpfte aufgeregt
zwischen seinen Artgenossen herum. „Bäume hüpfen nicht“, fand eine schmale
Birke überzeugt, als sie ihn vorbeihüpfen sah. „Sie bleiben ihr ganzes Leben am
selben Platz.“ „Aber ich kann hüpfen, sieh mal!“, erwiderte der Ahorn und
hüpfte ein Stück weiter. „Du bist kein richtiger Baum!“, mischte sich eine
knorrige Eiche ein, deren Äste sich gemächlich im Wind wiegten. „Richtige Bäume
haben ihre Wurzeln tief in der Erde verankert und nicht in einem kleinen
Schuh.“ Diese Worte gefielen dem hüpfenden Baum überhaupt nicht, also sah er
zu, dass er schnell verschwand. Er beschloss, die Umgebung kennen zu lernen und
den Wald, in dem er sein bisheriges Leben verbracht hatte, zu verlassen. Als
erstes stieß er auf ein Feld, auf dem weit und breit kein einziger Baum zu
sehen war und blieb kurz stehen, um sich auszuruhen. „Was macht der Baum
hier?!“, hörte er plötzlich ein Mädchen rufen, das gerade damit beschäftigt
war, auf dem Feld zu arbeiten. „Bäume haben hier überhaupt nichts zu suchen.
Ich sage gleich mal Papa Bescheid, dass der hier abgesägt werden muss.“ Als der
Baum das hörte, bekam er solche Angst, dass er in großen Abständen davon
hüpfte. Hier wollte er auf keinen Fall bleiben. Da es bereits dunkel wurde,
beschloss er, die Nacht über in dem Gemüsegarten zu verbringen, der nicht weit
entfernt von dem Feld lag. Er stellte sich unauffällig zwischen einen
Rosenbusch und eine imposante Tanne. „Willkommen, Ahorn“, sagte die Tanne
sanft, während der Mond ihre dunkelgrünen Nadeln beleuchtete. „Wehe, du nimmst
mir morgen das Licht weg!“, warnte der Rosenbusch misstrauisch, dessen Blüten
bereits vollständig geschlossen waren. „Es reicht, wenn die Tanne das tut!“
„Ich bleibe auch nur eine Nacht“, erwiderte der Ahorn versöhnlich und bemerkte,
dass Eichhörnchen auf seinen Ästen herumkletterten. Am nächsten Morgen hüpfte
er wieder davon und stieß auf einen Marktplatz, der noch ganz verlassen im
Morgengrauen lag. Er stellte sich genau in die Mitte, direkt neben den Brunnen
und fühlte das Rascheln seiner Blätter: Die Eichhörnchen nahmen überrascht zur
Kenntnis, dass ihr Zuhause den Platz gewechselt hatte. Er hörte sie missmutig
darüber schimpfen und sah dann, wie sie über den Marktplatz flitzten, zurück in
den Wald. Der Baum war sehr zufrieden an diesem stillen Ort und entschied sich,
erstmal zu bleiben. Nach einiger Zeit füllte sich der Marktplatz, der am frühen
Morgen noch so ruhig gewesen war, mit Menschen und Marktständen, die sich um
den Baum herum stellten. „Hier wurde ein Baum eingepflanzt“, rief jemand. Ein
anderer warf einen halb gefüllten Becher gegen den Stamm des Baums, dem dann
ein wenig Apfelsaft den Stamm hinunter rann. Der Ahorn begann, sich unwohl zu
fühlen, doch er blieb stocksteif an seinem Platz stehen wie ein gewöhnlicher
Baum. „Dieser Baum nimmt mir Platz weg!“, schimpfte eine Marktfrau voller
Empörung, anschließend wollte ein Junge mit seinem Taschenmesser etwas in die
Rinde schnitzen. Doch da hatte der Ahorn genug und ergriff die Flucht, so
schnell er konnte. Einige bemerkten es nicht mal, andere schrien entsetzt auf,
als sie ihn davon hüpfen sahen. Nach einigen Tagen fühlte sich der hüpfende
Baum ziemlich elend, da er von einem Ort zum anderen hüpfte. Manchmal war er
hier, dann dort- niemals hatte er einen festen Platz, an dem er zuhause war. Er
wünschte sich auf einmal, so zu sein wie die anderen Bäume, die ihr ganzes
Leben lang nie den Platz wechselten. Tage später befand sich der Ahorn in einem
Garten mit vielen Rosen, Tulpen, einem Teich und einer Linde. Es war ein sehr
schöner Garten, doch der Baum wusste, dass er hier nicht bleiben konnte.
Schließlich gehörten zu Gärten Menschen, die einen Baum nicht duldeten, der
plötzlich aufgetaucht war. Der Baum wollte schon wieder davon hüpfen, doch dann
spürte er, dass er umkippte. Die Wurzeln fühlten sich merkwürdig an, als er
quer auf dem Rasen lag und begriff, dass er jetzt nicht mehr weiter hüpfen
konnte. Denn der Schuh hatte der Kraft seiner Wurzeln nach so vielen Jahren
nicht mehr standgehalten. Der Schuh war kaputt. Nach ein paar Stunden, die der
Ahorn im Garten gelegen hatte, kam ein Mann in den Garten und inspizierte ihn
und den gesprengten Schuh verwundert. „Er wird Kleinholz aus mir machen“, dachte
der Baum voller Angst, mit dem Wissen, dass er ohne den Schuh nicht fliehen
konnte. Doch der Mann tat etwas völlig anderes: Er pflanzte den Baum in seinem
Garten ein und pflegte ihn voller Hingabe. Es war nämlich derjenige Mann, der
den Ahorn als kleiner Junge in den Schuh gepflanzt hatte. Der Ahorn führte ein
glückliches, zufriedenes Leben. Wenn er noch nicht gestorben ist, kann man ihn
heute noch in dem wunderschönen Garten bewundern.
Text// Pamina Kollien
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