Mittwoch, 3. Mai 2017

Die Geschichte von dem Baum, der hüpfen konnte



Als ich dreizehn Jahre alt war, schrieb ich für meine Großeltern diese Geschichte. Beide waren große Gartenfreunde und wünschten sich von mir eine Geschichte mit diesem Titel: Die Geschichte von dem Baum, der hüpfen konnte. Folgendes fiel mir dazu ein:

Es war einmal ein kleiner Junge, der in einem Wald spazieren ging und die Bäume betrachtete. „Sie stehen ihr ganzes Leben lang am selben Ort“, dachte er, während er seinen Blick zu den Baumkronen, die sich ins Sonnenlicht reckten, schweifte. „Sie können nicht laufen wie wir Menschen.“ Von einem Ahorn fielen ein paar Samen zu Boden und einen davon griff sich der Junge, um ihn mitzunehmen. Er schritt weiter durch den Wald und erblickte einen Schuh am Waldrand. Der Schuh sah fast noch wie neu aus, wie der Junge feststellte, nachdem er ihn eine Weile inspiziert hatte. Also füllte er ein wenig Erde in den Schuh und grub den Ahornsamen hinein. Dann stellte er den Schuh zwischen die anderen Ahornbäume und ging. Es vergingen Wochen, Monate und Jahre. Der Samen in dem Schuh wuchs mit der Zeit zu einem kräftigen Bäumchen heran. Er musste Trockenphasen, Regenzeiten und Stürme durchstehen, doch dann, eines Tages, war er ein großer Ahorn geworden, der seine stämmigen Äste ans Sonnenlicht reckte. Allerdings war er im Vergleich zu den anderen Bäumen ein ziemlich kleiner Baum, dessen gesamte Wurzeln in einem Schuh steckten. Der Schuh war ein wenig eingerissen und schäbig, doch er hielt den Kräften des Ahorns stand. Sehr oft erblickte der Baum Menschen, die einen Waldspaziergang machten, und musterte ihre Schuhe mit großer Begeisterung. „Sie haben zwei Schuhe“, dachte er. „Ich besitze nur einen. Ob ich wohl trotzdem laufen kann?“ Er versuchte, seine Wurzeln zu bewegen, doch es klappte nicht; stattdessen wäre er beinahe umgefallen. Eines Tages sah er ein kleines Mädchen, das lachend auf einem Bein hinter seinen Eltern herhüpfte, weil es ihm Spaß machte. „Das muss ich auch mal probieren“, überlegte der Baum und strengte seine Wurzeln im Schuh kräftig an. Als es ihm gelang, war er ganz außer sich und hüpfte aufgeregt zwischen seinen Artgenossen herum. „Bäume hüpfen nicht“, fand eine schmale Birke überzeugt, als sie ihn vorbeihüpfen sah. „Sie bleiben ihr ganzes Leben am selben Platz.“ „Aber ich kann hüpfen, sieh mal!“, erwiderte der Ahorn und hüpfte ein Stück weiter. „Du bist kein richtiger Baum!“, mischte sich eine knorrige Eiche ein, deren Äste sich gemächlich im Wind wiegten. „Richtige Bäume haben ihre Wurzeln tief in der Erde verankert und nicht in einem kleinen Schuh.“ Diese Worte gefielen dem hüpfenden Baum überhaupt nicht, also sah er zu, dass er schnell verschwand. Er beschloss, die Umgebung kennen zu lernen und den Wald, in dem er sein bisheriges Leben verbracht hatte, zu verlassen. Als erstes stieß er auf ein Feld, auf dem weit und breit kein einziger Baum zu sehen war und blieb kurz stehen, um sich auszuruhen. „Was macht der Baum hier?!“, hörte er plötzlich ein Mädchen rufen, das gerade damit beschäftigt war, auf dem Feld zu arbeiten. „Bäume haben hier überhaupt nichts zu suchen. Ich sage gleich mal Papa Bescheid, dass der hier abgesägt werden muss.“ Als der Baum das hörte, bekam er solche Angst, dass er in großen Abständen davon hüpfte. Hier wollte er auf keinen Fall bleiben. Da es bereits dunkel wurde, beschloss er, die Nacht über in dem Gemüsegarten zu verbringen, der nicht weit entfernt von dem Feld lag. Er stellte sich unauffällig zwischen einen Rosenbusch und eine imposante Tanne. „Willkommen, Ahorn“, sagte die Tanne sanft, während der Mond ihre dunkelgrünen Nadeln beleuchtete. „Wehe, du nimmst mir morgen das Licht weg!“, warnte der Rosenbusch misstrauisch, dessen Blüten bereits vollständig geschlossen waren. „Es reicht, wenn die Tanne das tut!“ „Ich bleibe auch nur eine Nacht“, erwiderte der Ahorn versöhnlich und bemerkte, dass Eichhörnchen auf seinen Ästen herumkletterten. Am nächsten Morgen hüpfte er wieder davon und stieß auf einen Marktplatz, der noch ganz verlassen im Morgengrauen lag. Er stellte sich genau in die Mitte, direkt neben den Brunnen und fühlte das Rascheln seiner Blätter: Die Eichhörnchen nahmen überrascht zur Kenntnis, dass ihr Zuhause den Platz gewechselt hatte. Er hörte sie missmutig darüber schimpfen und sah dann, wie sie über den Marktplatz flitzten, zurück in den Wald. Der Baum war sehr zufrieden an diesem stillen Ort und entschied sich, erstmal zu bleiben. Nach einiger Zeit füllte sich der Marktplatz, der am frühen Morgen noch so ruhig gewesen war, mit Menschen und Marktständen, die sich um den Baum herum stellten. „Hier wurde ein Baum eingepflanzt“, rief jemand. Ein anderer warf einen halb gefüllten Becher gegen den Stamm des Baums, dem dann ein wenig Apfelsaft den Stamm hinunter rann. Der Ahorn begann, sich unwohl zu fühlen, doch er blieb stocksteif an seinem Platz stehen wie ein gewöhnlicher Baum. „Dieser Baum nimmt mir Platz weg!“, schimpfte eine Marktfrau voller Empörung, anschließend wollte ein Junge mit seinem Taschenmesser etwas in die Rinde schnitzen. Doch da hatte der Ahorn genug und ergriff die Flucht, so schnell er konnte. Einige bemerkten es nicht mal, andere schrien entsetzt auf, als sie ihn davon hüpfen sahen. Nach einigen Tagen fühlte sich der hüpfende Baum ziemlich elend, da er von einem Ort zum anderen hüpfte. Manchmal war er hier, dann dort- niemals hatte er einen festen Platz, an dem er zuhause war. Er wünschte sich auf einmal, so zu sein wie die anderen Bäume, die ihr ganzes Leben lang nie den Platz wechselten. Tage später befand sich der Ahorn in einem Garten mit vielen Rosen, Tulpen, einem Teich und einer Linde. Es war ein sehr schöner Garten, doch der Baum wusste, dass er hier nicht bleiben konnte. Schließlich gehörten zu Gärten Menschen, die einen Baum nicht duldeten, der plötzlich aufgetaucht war. Der Baum wollte schon wieder davon hüpfen, doch dann spürte er, dass er umkippte. Die Wurzeln fühlten sich merkwürdig an, als er quer auf dem Rasen lag und begriff, dass er jetzt nicht mehr weiter hüpfen konnte. Denn der Schuh hatte der Kraft seiner Wurzeln nach so vielen Jahren nicht mehr standgehalten. Der Schuh war kaputt. Nach ein paar Stunden, die der Ahorn im Garten gelegen hatte, kam ein Mann in den Garten und inspizierte ihn und den gesprengten Schuh verwundert. „Er wird Kleinholz aus mir machen“, dachte der Baum voller Angst, mit dem Wissen, dass er ohne den Schuh nicht fliehen konnte. Doch der Mann tat etwas völlig anderes: Er pflanzte den Baum in seinem Garten ein und pflegte ihn voller Hingabe. Es war nämlich derjenige Mann, der den Ahorn als kleiner Junge in den Schuh gepflanzt hatte. Der Ahorn führte ein glückliches, zufriedenes Leben. Wenn er noch nicht gestorben ist, kann man ihn heute noch in dem wunderschönen Garten bewundern.            
Text// Pamina Kollien                                                                      

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