Abends kam Sebastian in Aimees Zimmer, um sich
einen Klebestift von ihr zu borgen. Als er an dem Schreibtisch vorbeiging, fiel
sein Blick auf das Bild, das Aimee zuvor gemalt hatte. „Was ist das?“,
erkundigte er sich nebenbei. Während Aimee den Klebestift aus ihrer Federtasche
herauskramte, meinte sie bloß: „Das ist ein Bild, das ich aus Spaß gezeichnet
habe.“ Sebastian würde bestimmt nicht verstehen, dass die Frau auf der
Zeichnung eine Hexe war, die Aimees Leben auf den Kopf gestellt hatte, und dass
das Kristallene Schwert die Waffe war, die die Grauen Nebel besiegen konnte.
„Es sieht ganz schön düster aus“, kommentierte Sebastian die Zeichnung. „Das
Gesicht der jungen Frau ähnelt deinem ganz schön. Du hast dich gut gezeichnet.“
„Die Frau sieht mir ähnlich?“, Aimee fuhr hoch, „Das stimmt nicht!“ Es bereitete ihr
richtiges Unbehagen, dass die dunkle Hexe von Arug ihr ähneln sollte. „Ach, das bist gar nicht du? Egal“, Achseln
zuckend verschwand Sebastian mit dem Klebestift aus ihrem Zimmer.
Aimee ging zum Schreibtisch, um das Bild
eingehend zu betrachten. In dem traurigen Gesicht der Hexe versuchte sie
irgendwelche Züge zu entdecken, die sie selbst hatte. Aber es war nur ein Bild.
Die Hexe war daran schuld, dass ihre Sicht so schnell grau wurde und überhaupt
daran, dass Aimees Leben gerade so schief lief. Sie hatte überhaupt gemeinsam
mit ihr, das stand fest. So weit kam es noch! Versuch nicht, mich zu besiegen. Du wirst mir nicht entkommen. Die
Worte der zum Leben erwachten Hexe aus dem Traum jagten Aimee einen eisigen
Schauer über den Rücken. Das klang nach einer ziemlichen Bedrohung. Sie musste
sich vor diesem Wesen in Acht nehmen.
Noch in derselben Nacht hatte Aimee wieder
aufwühlende Träume.
Sie ging einen Pfad entlang und überquerte
einen Bach, auf dessen Wasseroberfläche ihr Spiegelbild zu sehen war. Ein
Wassertropfen traf auf die Wasseroberfläche auf und verzerrte das Spiegelbild.
Als die Wasseroberfläche wieder ruhig war, erblickte Aimee nicht mehr ihr
eigenes Antlitz, sondern das der dunklen Hexe von Arug. Sie erschrak vor sich
selbst und trat schnell ans andere Ufer. Doch dann verschwamm die Umgebung um
sie herum und sie spürte, dass ihr Stricke die Arme fast abschnürten. Als sie
sich panisch umblickte, hätte sie beinahe laut aufgeschrien. Sie war an einen
Pfahl gefesselt, ihre Kleidung war zerrissen und um sie herum tanzten hohe Flammen.
In weiter Ferne konnte sie die Umrisse der Menschenmenge erkennen, die sich um
den Scheiterhaufen versammelt hatten. „Du bist eine Hexe!“, ertönte eine
unbarmherzige Männerstimme. „Mit deinen Kräften hast du unzählige Menschen ins
Verderben gestürzt! Für deine Sünden wirst du jetzt mit deinem eigenen Leben
zahlen müssen!“ Aimee spürte die immer näher kommende Hitze, während sie
unglaubliche Angst spürte. So große Angst wie noch nie in ihrem ganzen Leben.
Sie hatte doch nichts getan! Als sie den Mund öffnete, um lauthals zu schreien,
kam kein Ton heraus. Die Verzweiflung nahm ihr die Stimme. Nun war alles aus.
Im Stillen betete sie, dass die Qual kurz sein möge und sie so schnell wie
möglich starb. „Nun wirst du für deine grausamen Taten sterben!“, hörte sie
wieder die Männerstimme und nun sah sie auch die Person, die da sprach. Voller
Hass starrte sie in seine Richtung. Wegen seiner Unbarmherzigkeit musste sie
sterben. „Du wirst mich töten!“, schrie sie auf einmal. „Aber besiegen kannst du
mich damit nicht! Der Tod wird mich nicht besiegen. Ich werde nach meinem Tod
weiterleben und du wirst mir nicht entkommen!“ Die Flammen züngelten schon um
ihre Füße, wie gierige Monster, die sie auffressen wollten.
Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Aimee schreckte schweißgebadet aus ihren
Träumen hoch. Das Licht der Straßenlaterne vor ihrem Haus leuchtete durch die
Ritzen den Rollos, ansonsten war es dunkel. Mit einem Blick auf den
Nachttischwecker, dessen grüne Ziffern in der Dunkelheit leuchteten, wurde ihr
klar, dass es mitten in der Nacht war. Allerdings war ans Einschlafen gar nicht
zu denken, nachdem ihr dieser Alptraum durch den Kopf jagte. Also knipste sie
ihre Lichterkette an, kuschelte sich unter die Bettdecke und nahm das Bild zur
Hand, auf dem sie die Hexe von Arug und das kristallene Schwert gezeichnet
hatte. Ein eisiger Schauer lief ihr den Rücken herunter, als ihr in den Sinn
kam, dass sie im Traum zugleich sie selbst- Aimee- gewesen war, aber
andererseits auch die Hexe. In dem Traum hatte sie gerufen, dass der Tod sie
nicht besiegen könne und sie weiterleben würde. Aimee hatte es in der Gestalt
der Hexe gerufen. Dabei war die Hexe ihre Gegnerin und für die schrecklichen,
grauen Nebel verantwortlich. Aber das Grau sah nur sie. „Die grauen Nebel sind
wie ein Bestandteil von mir“, kam es Aimee in den Sinn, obwohl es das
Allerletzte war, was sie sich vorstellen wollte. Denn nichts ist schlimmer,
wenn man feststellt, dass das, was man fürchtet und mit aller Kraft besiegen
will, sich in einem selbst befindet. Wie konnte Aimee etwas besiegen, was sich
in ihr selbst befand? Das war doch paradox! Andererseits wäre es eine Antwort.
„Du siehst sehr unausgeschlafen aus“, stellte
Mama ein paar Stunden später fest, als Aimee am Frühstückstisch saß und über
die grauen Nebel nachgrübelte. Sebastian dagegen, der sowieso nicht viel Schlaf
benötigte, blätterte putzmunter in seiner Schulmappe. „Endlich habe ich den
Stammbaum für den Geschichtsunterricht fertig gekriegt“, erzählte er
ausgelassen, während Aimee nur mit halbem Ohr zuhörte. „Dafür hast du die
ganzen Urkunden und Fotoalben gebraucht?“, wandte sich Mama nun an ihn und
nippte an ihrem Kaffee. „Genau“, Sebastian nickte heftig. „Ich habe in den
letzten Wochen auch ganz viel nachgeforscht. Unter unserem Namen und so weiter.
Ein ganz entfernter Vorfahre von uns war sogar ein Herzog. Wenn ich für meine
Ahnenforschung keine Eins kriege, bin ich so was von sauer.“ „Und war ein
Uhrahn unsererseits auch zum Beispiel oberster Diener des Papstes?“, meinte
Aimee ein klein wenig ironisch, obwohl sie noch so müde war. „Nein, das nicht“,
Sebastian war in seinem Element. „Aber dafür kann ich dir was anderes bieten:
Die Schwiegertochter des Herzogs wurde angeblich wegen Hexerei angeklagt.“
Aimee war froh, dass sie auf einem Stuhl saß, sonst wäre sie vermutlich zu
Boden gegangen. „Wir haben also eine Hexe als Urahnin“, sagte Sebastian
gutgelaunt, ohne Aimees Verblüffung zu bemerken. „In der Nähe von uns steht
sogar ein Denkmal von ihr, glaube ich. Wir findest du das?“ „Diese Statue im
Park, meinst du?“, mischte sich Mama ein, die fasziniert den Ausführungen ihres
Sohnes folgte. Darauf konnte Aimee leider nichts erwidern, sie stand nämlich
auf und ging auf die Toilette. Im Gehen hörte sie noch, wie Sebastian fortfuhr:
„Der Hexe wurde dieses Denkmal gesetzt, weil sie viele Menschen geheilt hat.“
Dort musste sie wieder erst ihre Gedanken ordnen. Das konnte doch nicht wahr
sein! Die dunkle Hexe von Arug war eine Urahnin von ihr. Krasser ging es
eigentlich nicht mehr. Und sie war an den grauen Nebeln schuld. Die dunkle
Seite in ihr selbst. Aimee machte die dunkle Hexe Angst. Aber wenn die grauen
Nebel ein Teil von Aimee waren, musste sie ja Angst vor sich selbst haben.
Aimee betrachtete sich selbst im Badezimmerspiegel: Mittellange braune Haare,
grüne Augen und eine Stupsnase. „Aimee“, sagte sie zu sich selbst. „Du musst
etwas tun! Und zwar, bevor dir dieser ganze Wahnsinn über den Kopf wächst!“
Aimee im Spiegel sah sehr ernst aus. Für einen kurzen Moment hatte sie Angst,
das Gesicht der dunklen Hexe im Spiegel zu sehen, doch es passierte nichts.
„Das ist ja der Wahnsinn“, sagte Laura,
nachdem Aimee ihr alles auf einer etwas
abgeschiedenen Ecke des Pausenhofs erzählt hatte. „Die grauen Nebel sind nicht
verschwunden. Sonst würde ich das merken.“ Betrübt starrte sie geradeaus. Laura
hatte auch keine Idee, was man da noch tun könne.
Text// Pamina Kollien
Text// Pamina Kollien
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