Mittwoch, 3. Mai 2017

Im Bann der grauen Nebel Teil 5

Abends kam Sebastian in Aimees Zimmer, um sich einen Klebestift von ihr zu borgen. Als er an dem Schreibtisch vorbeiging, fiel sein Blick auf das Bild, das Aimee zuvor gemalt hatte. „Was ist das?“, erkundigte er sich nebenbei. Während Aimee den Klebestift aus ihrer Federtasche herauskramte, meinte sie bloß: „Das ist ein Bild, das ich aus Spaß gezeichnet habe.“ Sebastian würde bestimmt nicht verstehen, dass die Frau auf der Zeichnung eine Hexe war, die Aimees Leben auf den Kopf gestellt hatte, und dass das Kristallene Schwert die Waffe war, die die Grauen Nebel besiegen konnte. „Es sieht ganz schön düster aus“, kommentierte Sebastian die Zeichnung. „Das Gesicht der jungen Frau ähnelt deinem ganz schön. Du hast dich gut gezeichnet.“
„Die Frau sieht mir ähnlich?“, Aimee fuhr hoch, „Das stimmt nicht!“ Es bereitete ihr richtiges Unbehagen, dass die dunkle Hexe von Arug ihr ähneln sollte. „Ach, das bist gar nicht du? Egal“, Achseln zuckend verschwand Sebastian mit dem Klebestift aus ihrem Zimmer.
Aimee ging zum Schreibtisch, um das Bild eingehend zu betrachten. In dem traurigen Gesicht der Hexe versuchte sie irgendwelche Züge zu entdecken, die sie selbst hatte. Aber es war nur ein Bild. Die Hexe war daran schuld, dass ihre Sicht so schnell grau wurde und überhaupt daran, dass Aimees Leben gerade so schief lief. Sie hatte überhaupt gemeinsam mit ihr, das stand fest. So weit kam es noch! Versuch nicht, mich zu besiegen. Du wirst mir nicht entkommen. Die Worte der zum Leben erwachten Hexe aus dem Traum jagten Aimee einen eisigen Schauer über den Rücken. Das klang nach einer ziemlichen Bedrohung. Sie musste sich vor diesem Wesen in Acht nehmen.

Noch in derselben Nacht hatte Aimee wieder aufwühlende Träume.
Sie ging einen Pfad entlang und überquerte einen Bach, auf dessen Wasseroberfläche ihr Spiegelbild zu sehen war. Ein Wassertropfen traf auf die Wasseroberfläche auf und verzerrte das Spiegelbild. Als die Wasseroberfläche wieder ruhig war, erblickte Aimee nicht mehr ihr eigenes Antlitz, sondern das der dunklen Hexe von Arug. Sie erschrak vor sich selbst und trat schnell ans andere Ufer. Doch dann verschwamm die Umgebung um sie herum und sie spürte, dass ihr Stricke die Arme fast abschnürten. Als sie sich panisch umblickte, hätte sie beinahe laut aufgeschrien. Sie war an einen Pfahl gefesselt, ihre Kleidung war zerrissen und um sie herum tanzten hohe Flammen. In weiter Ferne konnte sie die Umrisse der Menschenmenge erkennen, die sich um den Scheiterhaufen versammelt hatten. „Du bist eine Hexe!“, ertönte eine unbarmherzige Männerstimme. „Mit deinen Kräften hast du unzählige Menschen ins Verderben gestürzt! Für deine Sünden wirst du jetzt mit deinem eigenen Leben zahlen müssen!“ Aimee spürte die immer näher kommende Hitze, während sie unglaubliche Angst spürte. So große Angst wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Sie hatte doch nichts getan! Als sie den Mund öffnete, um lauthals zu schreien, kam kein Ton heraus. Die Verzweiflung nahm ihr die Stimme. Nun war alles aus. Im Stillen betete sie, dass die Qual kurz sein möge und sie so schnell wie möglich starb. „Nun wirst du für deine grausamen Taten sterben!“, hörte sie wieder die Männerstimme und nun sah sie auch die Person, die da sprach. Voller Hass starrte sie in seine Richtung. Wegen seiner Unbarmherzigkeit musste sie sterben. „Du wirst mich töten!“, schrie sie auf einmal. „Aber besiegen kannst du mich damit nicht! Der Tod wird mich nicht besiegen. Ich werde nach meinem Tod weiterleben und du wirst mir nicht entkommen!“ Die Flammen züngelten schon um ihre Füße, wie gierige Monster, die sie auffressen wollten.
Dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Aimee schreckte schweißgebadet aus ihren Träumen hoch. Das Licht der Straßenlaterne vor ihrem Haus leuchtete durch die Ritzen den Rollos, ansonsten war es dunkel. Mit einem Blick auf den Nachttischwecker, dessen grüne Ziffern in der Dunkelheit leuchteten, wurde ihr klar, dass es mitten in der Nacht war. Allerdings war ans Einschlafen gar nicht zu denken, nachdem ihr dieser Alptraum durch den Kopf jagte. Also knipste sie ihre Lichterkette an, kuschelte sich unter die Bettdecke und nahm das Bild zur Hand, auf dem sie die Hexe von Arug und das kristallene Schwert gezeichnet hatte. Ein eisiger Schauer lief ihr den Rücken herunter, als ihr in den Sinn kam, dass sie im Traum zugleich sie selbst- Aimee- gewesen war, aber andererseits auch die Hexe. In dem Traum hatte sie gerufen, dass der Tod sie nicht besiegen könne und sie weiterleben würde. Aimee hatte es in der Gestalt der Hexe gerufen. Dabei war die Hexe ihre Gegnerin und für die schrecklichen, grauen Nebel verantwortlich. Aber das Grau sah nur sie. „Die grauen Nebel sind wie ein Bestandteil von mir“, kam es Aimee in den Sinn, obwohl es das Allerletzte war, was sie sich vorstellen wollte. Denn nichts ist schlimmer, wenn man feststellt, dass das, was man fürchtet und mit aller Kraft besiegen will, sich in einem selbst befindet. Wie konnte Aimee etwas besiegen, was sich in ihr selbst befand? Das war doch paradox! Andererseits wäre es eine Antwort.
„Du siehst sehr unausgeschlafen aus“, stellte Mama ein paar Stunden später fest, als Aimee am Frühstückstisch saß und über die grauen Nebel nachgrübelte. Sebastian dagegen, der sowieso nicht viel Schlaf benötigte, blätterte putzmunter in seiner Schulmappe. „Endlich habe ich den Stammbaum für den Geschichtsunterricht fertig gekriegt“, erzählte er ausgelassen, während Aimee nur mit halbem Ohr zuhörte. „Dafür hast du die ganzen Urkunden und Fotoalben gebraucht?“, wandte sich Mama nun an ihn und nippte an ihrem Kaffee. „Genau“, Sebastian nickte heftig. „Ich habe in den letzten Wochen auch ganz viel nachgeforscht. Unter unserem Namen und so weiter. Ein ganz entfernter Vorfahre von uns war sogar ein Herzog. Wenn ich für meine Ahnenforschung keine Eins kriege, bin ich so was von sauer.“ „Und war ein Uhrahn unsererseits auch zum Beispiel oberster Diener des Papstes?“, meinte Aimee ein klein wenig ironisch, obwohl sie noch so müde war. „Nein, das nicht“, Sebastian war in seinem Element. „Aber dafür kann ich dir was anderes bieten: Die Schwiegertochter des Herzogs wurde angeblich wegen Hexerei angeklagt.“ Aimee war froh, dass sie auf einem Stuhl saß, sonst wäre sie vermutlich zu Boden gegangen. „Wir haben also eine Hexe als Urahnin“, sagte Sebastian gutgelaunt, ohne Aimees Verblüffung zu bemerken. „In der Nähe von uns steht sogar ein Denkmal von ihr, glaube ich. Wir findest du das?“ „Diese Statue im Park, meinst du?“, mischte sich Mama ein, die fasziniert den Ausführungen ihres Sohnes folgte. Darauf konnte Aimee leider nichts erwidern, sie stand nämlich auf und ging auf die Toilette. Im Gehen hörte sie noch, wie Sebastian fortfuhr: „Der Hexe wurde dieses Denkmal gesetzt, weil sie viele Menschen geheilt hat.“ Dort musste sie wieder erst ihre Gedanken ordnen. Das konnte doch nicht wahr sein! Die dunkle Hexe von Arug war eine Urahnin von ihr. Krasser ging es eigentlich nicht mehr. Und sie war an den grauen Nebeln schuld. Die dunkle Seite in ihr selbst. Aimee machte die dunkle Hexe Angst. Aber wenn die grauen Nebel ein Teil von Aimee waren, musste sie ja Angst vor sich selbst haben. Aimee betrachtete sich selbst im Badezimmerspiegel: Mittellange braune Haare, grüne Augen und eine Stupsnase. „Aimee“, sagte sie zu sich selbst. „Du musst etwas tun! Und zwar, bevor dir dieser ganze Wahnsinn über den Kopf wächst!“ Aimee im Spiegel sah sehr ernst aus. Für einen kurzen Moment hatte sie Angst, das Gesicht der dunklen Hexe im Spiegel zu sehen, doch es passierte nichts.
„Das ist ja der Wahnsinn“, sagte Laura, nachdem Aimee ihr alles  auf einer etwas abgeschiedenen Ecke des Pausenhofs erzählt hatte. „Die grauen Nebel sind nicht verschwunden. Sonst würde ich das merken.“ Betrübt starrte sie geradeaus. Laura hatte auch keine Idee, was man da noch tun könne.

Text// Pamina Kollien

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