Auf dem Schulweg begann Aimee plötzlich, sich
wieder an den Traum zu erinnern. Die dunkle Hexe von Arug war zum Leben erwacht
und hatte Aimee bedroht. Doch auf ihrer Flucht war das Kristalle Schwert
aufgetaucht, in dem alle Farben des Regenbogens leuchten. Kämpfe gegen deine Angst. So hatte die Inschrift auf dem Griff
geheißen. Bestimmt hatte dieser Traum Aimee was zu sagen. Anscheinend sollte
sie gegen das Grau kämpfen. Sie dachte daran, dass sie heute wieder ab der
Geschichtsstunde alles in grau sehen würde und es schnürte ihr das Herz vor
Angst zusammen. Es kam ihr vor wie ein Fluch. Ein Fluch, den die Hexe von Arug
ausgesprochen hatte. Aber vielleicht gab es eine Möglichkeit, sich dagegen zu
wehren, dass die Welt ergraute. Hoffnung flammte in ihr auf. Es lag an ihr,
dagegen anzukämpfen, und zwar gleich heute. Sie ballte die Fäuste und
beschloss, nicht einfach so aufzugeben.
Herr Hagel teilte ein Arbeitsblatt mit einem
Bild, auf dem eine Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, aus und gab der
Klasse den Auftrag, sich Notizen dazu zu machen. Dieses Bild kannte Aimee
bereits. Das trostlose Grau begann, wieder in ihr aufzusteigen. „Nein!“, dachte
Aimee verkrampft. „Kämpfe! Du musst kämpfen!“ Sie stellte sich eine schützende
Wand vor, die sich zwischen ihr und das Bild stellte. Dennoch sah sie das Leid
der vermeintlichen Hexe, während um sie herum alles wieder seine Farbe verlor.
Die imaginäre Wand half überhaupt nicht. Wieder einmal war sie in der grauen
Welt gefangen. In ihrer Verzweiflung konnte sie nicht anders: Die aufsteigenden
Tränen brachen aus ihr heraus und strömten über ihr Gesicht. Es gab kein Halten
mehr für sie. Laura nahm sofort tröstend ihre Hand und bat Herrn Hagel, kurz
mit Aimee rausgehen zu dürfen, was er dann auch erlaubte. Auf dem Flur
herrschte im Gegensatz zu der Klasse eine angenehme Stille. Doch Aimee spürte
den großen, dunklen Schmerz in ihrem Herzen, den sie sich gar nicht wirklich
erklären konnte. „Nun sag mir doch, was los ist“, meinte Laura sanft und sie
wiegte Aimee ganz leicht. „Weinst du, weil unser Thema so schrecklich findest?
Oder ist da noch mehr?“ Aimee brauchte ein wenig, um zu antworten, weil ihr der
Kummer den Hals zuschnürte. „Da ist noch mehr“, deutete Laura Aimees Schweigen.
Da brach aus Aimee die Geschichte mit der dunklen Hexe von Arug heraus und mit
den Nebeln und dem Traum von dem kristallenen Schwert. Laura nickte nur, aber
sie sah nicht so aus, als hielte sie ihre Freundin für komplett durchgeknallt.
„Du siehst jetzt wirklich alles in grau?“,
fragte sie fast ein wenig ehrfürchtig auf dem Heimweg. „Ja“, erwiderte Aimee
und wischte sich die Tränen von der Wange. „Ich weiß, es klingt verrückt,
aber…“ „Ich verstehe es schon“, meinte Laura. „Du brauchst also eine Art
Schwert, mit dem du die Hexe besiegst?“ „Ich weiß es nicht“, sagte Aimee leise.
„Aber es kann so nicht weitergehen. Ich muss etwas tun.“ „Du musst dich den
grauen Nebeln oder wie auch immer du das nennst stellen“, meinte Laura. „Das
habe ich heute schon getan“, schluchzte Aimee. „Und es hat nicht geklappt.“ „Du
hast die Hexe von Arug im Traum gesehen, nicht wahr?“, sagte Laura angestrengt
nachdenkend.
„Dann ist sie es, die ich besiegen muss. Mit
ihr hat doch alles begonnen“, führte Aimee den Gedanken zu Ende. Ja, Laura
musste Recht haben. „Wenn ich es schaffe, die Hexe von Arug zu besiegen, dann
kann ich damit auch die grauen Nebel besiegen. Und zwar für immer.“ „Wie willst du es schaffen, eine
steinerne Hexe zu besiegen?“, erkundigte sich Laura. „Wie willst du das denn
machen?“ „Ich weiß es noch nicht“, Aimees Augen blitzten entschlossen. „Aber
irgendwas muss ich tun. Und jetzt ist die Welt bereits sowieso für den
restlichen Tag grau. Dann kann ich noch heute zu der Statue gehen und irgendwas
tun, um sie zu besiegen. Was habe ich heute zu verlieren?“ Und das tat sie dann
tatsächlich. Die Statue stand wie immer an ihrem Platz, nichts hatte sich
geändert. Nur für Aimee hatte sich etwas geändert. Sie schaute der Hexe ins
Gesicht, doch das Grau hielt an und veränderte sich nicht. Ihr Herz klopfte wie
wild, sie spürte die Angst in sich, die sie sich nicht erklären konnte, und
ließ die Hexe von Arug, die ihr wie ein Monster vorkam, nicht aus den Augen.
Die kummervollen, hasserfüllten Augen blickten ins Leere und alles in Aimee
wollte sich umdrehen und davonlaufen. Aber sie blieb stehen und starrte die
unheimliche Statue an, während sie gar nicht sagen konnte, wie viel Zeit
verging. Sie erwartete beinahe, dass irgendwas geschah, dass ihr Herz aufhörte,
so schnell zu pochen, und dass das Grau sich um sie herum veränderte. Doch es
passierte nichts. Das Grau war nach wie vor da, die Hexe Arug verharrte in
ihrer Position und Stille umgab sie. „Warum tust du mir das an?“, sagte Aimee
laut, obwohl sie sonst eigentlich nicht mit leblosen Statuen sprach. Dies hier
war allerdings auch keine gewöhnliche Statue. „Warum machst du mir das Leben so
schwer, in dem du mir so viel Angst machst? Du nimmst die Farbe aus meiner
Welt. Alles machst du mir damit kaputt. Aber du wirst mich nicht klein kriegen.
Ich gebe nicht auf, bevor das aufhört, dunkle
Hexe von Arug.“ Die Statue verharrte weiterhin still, während Aimee
zitternd auf sie zuschritt. Was konnte sie jetzt noch tun, um die grauen Nebel
auszulöschen? Kämpfe gegen deine Angst.
Das tat sie doch schon, gerade jetzt, in diesem Moment. Was würde noch mehr Mut
erfordern? Die dunkle Hexe von Arug zu berühren? Aimee schritt immer weiter auf
die graue Statue zu, während ihr Herz fast zu zerspringen drohte. Doch sie
achtete nicht darauf. Sie musste jetzt kämpfen. Dann streckte sie zitternd die
Hand aus und berührte die Hexe an der Kapuze. Der Stein fühlte sich kühl an,
nicht anders als bei anderen Statuen. Aimee biss sich auf die Lippe und fragte
sich, was sie hier eigentlich tat. Sie wollte es schaffen, das Grau zu
besiegen. Aber dies hier war eine Statue. Wie wollte sie eine Statue besiegen? Sie
hob den Kopf, ohne daran zu denken, dass ihr Herz kurz vorm Zerspringen war und
dass alles um sie herum grau war. Die Augen der dunklen Hexe blickten starr und
leblos in die Ferne. Aimee hasste diesen Blick, doch am allermeisten hasste sie
das Grau. Sie trat einen Schritt zurück- im nächsten Moment erblickte sie das
kleine Messingschild, das sich auf dem Rücken der Hexe befand. Es war schon
ganz eingerostet und so kaum noch lesbar, doch irgendwas in Aimee sagte, dass
sie es lesen sollte. Je mehr man über seinen Gegner wusste, desto besser konnte
man ihn besiegen. Und das war schließlich Aimees größtes Ziel. Ganz plötzlich
war ihr Leben komplett aus den Fugen geraten, sie wurde mit Dingen
konfrontiert, die sie vorher noch gar nicht für möglich gehalten hatte. Und
zwar von einem Tag auf den anderen. Plötzlich musste sie stark sein.
So beugte sie sich vor, um den kurzen Text auf
dem Schild zu lesen.
Die
dunkle Hexe von Arug war eine junge Frau, die ungefähr 1590 gelebt hat. In
einer Hütte am Dorfrand hat sie Heiltränke gebraut und die anderen Dorfbewohner
damit geheilt. Als der Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie an einer Vergiftung
starb, wurde sie beschuldigt, eine Hexe zu sein und seinen Tod herbeigeführt zu
haben. Daher wurde sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Aimee wurde ganz schwindlig, nachdem sie es
gelesen hatte. Sie wusste nicht, was sie jetzt fühlen oder denken sollte. In
ihr herrschte absolute Leere. Langsam wandte sie sich um, wie betäubt und ohne
den Park um sich herum wirklich wahrzunehmen, und ging nachhause. Sie rannte
nicht, sondern ging ganz langsam.
Als sie zuhause ankam, war das Haus leer, denn
ihre Mutter war einkaufen gegangen und Sebastian befand sich mit ein paar
Freunden auf den Fußballplatz. Aimee war es ganz recht, das Haus für sich
alleine zu haben, so konnte sie ungestört verarbeiten, was vorhin geschehen
war. Die dunkle Hexe von Arug hatte es wirklich gegeben und sie hatte ein
grausames Schicksal erleiden müssen. Die Statue stellte diese Frau dar, die vor
langer Zeit existiert hatte. So viele Gedanken wirbelten durch Aimees Kopf,
sodass sie es nicht mehr aushielt und schließlich in Tränen ausbrach. Sie
weinte darüber, dass alles um sie herum grau war, darüber, dass sie so
schreckliche Gefühle erlebt hatte, die sie aus der Bahn warfen, und über das
Schicksal der Hexe. Aimee hatte nichts Schlimmeres als die grauen Nebel erlebt,
doch das, was der dunklen Hexe selbst widerfahren war, war viel schlimmer.
Einem innerem Impuls folgend, griff Aimee nach einem Bleistift und einem Blatt Papier,
um darauf die Hexe zu zeichnen. Innerhalb kurzer Zeit entstand ein Bild, auf
dem die Statue der dunklen Hexe, deren lange Haare aus der Kapuze fielen. Ihre
Augen waren voller tiefer Traurigkeit und ohne Hoffnung, gleichzeitig war ihr
Blick aber auch hasserfüllt. Aimee war über sich selbst erstaunt, weil sie es
geschafft hatte, die Statue ziemlich naturgetreu zu zeichnen. Auf dem Bild war
der Nebel, der die Hexenstatue umhüllte, ebenfalls festgehalten. Zuletzt
zeichnete Aimee das Kristallene Schwert, das auf den Nebel gerichtet war, und
malte es in bunten Farben aus. Es war ein bizarres Bild. Auf einer Seite das
Grau und der Schmerz, auf der anderen Seite das Bunte und Kraftvolle.
Text//Pamina Kollien
Text//Pamina Kollien
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen