Sobald sie das Haus betrat, schlug ihr ein
verführerischer Duft aus der Küche entgegen, dem sie sofort folgte: Mama hatte
einen Kartoffelauflauf für Aimee und ihren Bruder Sebastian zubereitet. „Wie
war denn euer Tag?“, erkundigte sich Mama interessiert, während Sebastian sich
gleich auf seine Portion Kartoffelauflauf stürzte und Aimee zaghaft einen
Bissen kostete, denn wirklichen Hunger hatte sie nicht. „Gut!“, schmatzte Sebastian
mit vollem Mund und versenkte seine Gabel in den Kartoffelscheiben. „Meine
Mannschaft hat heute das Fußballspiel in der Schule gewonnen. War alles wie
immer.“ Sebastians größte Leidenschaft war nämlich Fußball, im Gegensatz zu
seiner Schwester.
„Und bei dir, Aimee?“, Fragend hob Sebastian
eine Augenbraue, während er sich die nächste Gabel voll Kartoffelauflauf in den
Mund stopfte. „Ja, alles wie immer“, murmelte Aimee und erst, als sie es
aussprach, spürte sie, dass es eine Lüge war. Nichts war wie immer. Irgendwas
war anders. Aber was? Natürlich konnte sie Mama und Sebastian nicht erklären,
dass etwas anders war und dass es etwas mit der Statue im Park zu tun hatte.
„Was ist denn anders?“, würden sie fragen und das konnte Aimee selbst nicht
beantworten. Außerdem war es schon fast lächerlich, wegen einer blöden Statue
solch komische Gefühle zu haben. Einfach nur lächerlich!
Im Laufe der nächsten Tage machte Aimee einen
großen Bogen um die Statue, aber es gelang ihr, sie für die meiste Zeit aus
ihrem Kopf zu verbannen. Für unheimliche Begegnungen mit einer Statue war in
Aimees Kopf kein Platz. Doch dann
irgendwann träumte sie einen merkwürdigen Traum.
Sie befand sich in einer riesigen steinernen
Halle, die aus grauem Stein gebaut war. Wassertropfen rannen die Steinwände hinab,
doch selbst das Wasser hatte die graue Farbe der Wände angenommen. Aimee
blickte sich unbehaglich um. Hier schien tatsächlich alles grau zu sein. Sie
blickte an sich selbst hinab und hätte beinahe aufgeschrien. Selbst sie war
grau! Ihre Hose und ihre T-Shirt waren grau und ihre Arme und Hände auch. Als
sie einen Wassertropfen, der wie eine Träne an dem Felsen hinabkullerte, mit
den Augen verfolgte, erblickte sie ihr Spiegelbild darin, das tatsächlich
vollkommen grau war. Ihre Haare, ihre Lippen, ihre Wangen und selbst ihre Augen
schimmerten grau und hatten jeglichen Glanz verloren. Aimee bekam es mit der
Angst zu tun, denn das dieser Ort so trostlos und ohne Farbe war, war schlimm
genug, doch dass auch sie selbst alle Farben verloren hatte, war noch um einiges
erschreckender. Sie rannte los, nur weg von diesem Ort, an dem eine
unerklärbare Leere herrschte. Doch nirgendwo war ein Ausgang zu erkennen, aus
dem sie hätte fliehen können. Oben, unten und an allen Seiten war grauer Stein.
Erschöpft ließ sich Aimee auf die Knie fallen, während sich große Angst in ihr
breitmachte. Es gab keinen Ausweg. Sie war gefangen in dieser Leere und
Trostlosigkeit. Außerdem war hier eine derartige Stille, die nicht friedlich
und beruhigend
war,
sondern einfach nur unheimlich und voller Schmerz.
Dann plötzlich erwachte Aimee und schauderte
bei dem Gedanken an ihren schrecklichen Alptraum. Sie war in einer grauen Höhle
eingesperrt gewesen, in der sie sich so schrecklich gefühlt hatte wie noch nie
in ihrem ganzen Leben. Und das Schlimmste war gewesen, dass auch sie selbst
grau geworden war.
„Ich muss heute noch einkaufen fahren“,
erklärte Mama gut gelaunt am Frühstückstisch, mit einer Tasse Tee in der Hand.
Im Gegensatz zu ihrer Tochter war sie bereits hellwach. „Ich kann dich dann
gleich bei der Schule absetzen.“ „Prima“, war das einzige, was Aimee an diesem
Morgen dazu sagen konnte.
Wenig später saßen die beiden im Auto, während
Aimee aus dem Beifahrerfenster starrte und die Welt an sich vorüberziehen ließ.
Andere Autos, die sie überholten, rückten in Aimees Blickfeld, die Bäume des
Parks- und dann eine eiserne Kapuzengestalt. Sie fuhren gerade in der Nähe der
Statue vorbei. In Aimee schrillten auf einmal alle Alarmsirenen, doch äußerlich
blieb sie ganz ruhig. „Was ist los?“, dachte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
„Verdammt! Was ist nur mit dieser blöden Statue?“ Sie schloss die Augen für
wenige Sekunden, dann öffnete sie sie wieder. Ihr Blick fiel wieder auf das
Beifahrerfenster, durch dessen Scheibe sie wieder andere Autos sah- lauter
graue Autos. Nichts Ungewöhnliches. Doch als Aimee den Baum sah, erschrak sie:
Der Stamm des Baumes war grau, jedes einzelne Blatt in der prächtig blühenden
Baumkrone war grau. Graue Bäume gab es nicht! Aimee drehte den Kopf panisch
herum, doch ihre Befürchtung bewahrheitete sich: Alles um sie herum war grau.
Es war, als befinde sie sich im Schwarzweißfilm. „Der falsche Film ist es
allemal!“, dachte sie panisch und blickte zu ihrer Mutter. Doch der schien
nichts Ungewöhnliches aufgefallen zu sein, sie war damit beschäftigt, das Auto
durch den Verkehr zu lenken. Es musste eine Sinnestäuschung sein, was hier vor
sich ging. Jedenfalls war es nicht mehr normal. Allmählich wurde es gruselig.
Aimee blickte an sich herunter: Doch der Schwarzweißfilm, in dem sie sich
befand, war zu perfekt. Sie war auch grau. Der Traum durchzuckte sie und nun
bekam sie es langsam mit der Angst zu tun. Aimee war zum Schreien zumute, doch
sie hielt den Mund.
In der Schule angekommen, versuchte sie zu
vergessen, dass alles um sie herum grau war. Da sie allerdings, egal, wo sie
hinblickte, alles in grau sah, konnte sie es nur schwer vergessen. „Ist alles
in Ordnung?“, wollte Aimees Tischnachbarin Laura wissen, der Aimees betrübter
Gesichtsausdruck aufgefallen war. „Irgendwie ist die Welt gerade so grau“,
murmelte Aimee unverständlich, während sie ihre Buntstifte sortierte, die
ebenfalls jegliche Farbe verloren hatten, Es war wirklich gruselig. „Solche
Tage gibt es“, nickte Laura nachdenklich. „Da erscheint einem alles nur traurig
und dunkel. Aber schau, was ich heute trage“, Sie deutete auf ihr T-Shirt, das
in Aimees Augen natürlich auch keine Farbe besaß. „Knallpink vertreibt jegliche
düstere Laune.“ Für Laura mochte das stimmen, für Aimee leider jedoch nicht. Im
Unterricht war Aimee ziemlich abgelenkt und fragte sich die ganze Zeit, warum
sie alles in grau sah. So, als hätte sich ein grauer Nebelschleier über die
Welt gelegt. Alles erschien so unwirklich.
Text// Pamina Kollien
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen