Mittwoch, 3. Mai 2017

Im Bann der grauen Nebel Teil 2

Sobald sie das Haus betrat, schlug ihr ein verführerischer Duft aus der Küche entgegen, dem sie sofort folgte: Mama hatte einen Kartoffelauflauf für Aimee und ihren Bruder Sebastian zubereitet. „Wie war denn euer Tag?“, erkundigte sich Mama interessiert, während Sebastian sich gleich auf seine Portion Kartoffelauflauf stürzte und Aimee zaghaft einen Bissen kostete, denn wirklichen Hunger hatte sie nicht. „Gut!“, schmatzte Sebastian mit vollem Mund und versenkte seine Gabel in den Kartoffelscheiben. „Meine Mannschaft hat heute das Fußballspiel in der Schule gewonnen. War alles wie immer.“ Sebastians größte Leidenschaft war nämlich Fußball, im Gegensatz zu seiner Schwester.
„Und bei dir, Aimee?“, Fragend hob Sebastian eine Augenbraue, während er sich die nächste Gabel voll Kartoffelauflauf in den Mund stopfte. „Ja, alles wie immer“, murmelte Aimee und erst, als sie es aussprach, spürte sie, dass es eine Lüge war. Nichts war wie immer. Irgendwas war anders. Aber was? Natürlich konnte sie Mama und Sebastian nicht erklären, dass etwas anders war und dass es etwas mit der Statue im Park zu tun hatte. „Was ist denn anders?“, würden sie fragen und das konnte Aimee selbst nicht beantworten. Außerdem war es schon fast lächerlich, wegen einer blöden Statue solch komische Gefühle zu haben. Einfach nur lächerlich!

Im Laufe der nächsten Tage machte Aimee einen großen Bogen um die Statue, aber es gelang ihr, sie für die meiste Zeit aus ihrem Kopf zu verbannen. Für unheimliche Begegnungen mit einer Statue war in Aimees  Kopf kein Platz. Doch dann irgendwann träumte sie einen merkwürdigen Traum.
Sie befand sich in einer riesigen steinernen Halle, die aus grauem Stein gebaut war. Wassertropfen rannen die Steinwände hinab, doch selbst das Wasser hatte die graue Farbe der Wände angenommen. Aimee blickte sich unbehaglich um. Hier schien tatsächlich alles grau zu sein. Sie blickte an sich selbst hinab und hätte beinahe aufgeschrien. Selbst sie war grau! Ihre Hose und ihre T-Shirt waren grau und ihre Arme und Hände auch. Als sie einen Wassertropfen, der wie eine Träne an dem Felsen hinabkullerte, mit den Augen verfolgte, erblickte sie ihr Spiegelbild darin, das tatsächlich vollkommen grau war. Ihre Haare, ihre Lippen, ihre Wangen und selbst ihre Augen schimmerten grau und hatten jeglichen Glanz verloren. Aimee bekam es mit der Angst zu tun, denn das dieser Ort so trostlos und ohne Farbe war, war schlimm genug, doch dass auch sie selbst alle Farben verloren hatte, war noch um einiges erschreckender. Sie rannte los, nur weg von diesem Ort, an dem eine unerklärbare Leere herrschte. Doch nirgendwo war ein Ausgang zu erkennen, aus dem sie hätte fliehen können. Oben, unten und an allen Seiten war grauer Stein. Erschöpft ließ sich Aimee auf die Knie fallen, während sich große Angst in ihr breitmachte. Es gab keinen Ausweg. Sie war gefangen in dieser Leere und Trostlosigkeit. Außerdem war hier eine derartige Stille, die nicht friedlich und beruhigend
 war, sondern einfach nur unheimlich und voller Schmerz.

Dann plötzlich erwachte Aimee und schauderte bei dem Gedanken an ihren schrecklichen Alptraum. Sie war in einer grauen Höhle eingesperrt gewesen, in der sie sich so schrecklich gefühlt hatte wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Und das Schlimmste war gewesen, dass auch sie selbst grau geworden war.
„Ich muss heute noch einkaufen fahren“, erklärte Mama gut gelaunt am Frühstückstisch, mit einer Tasse Tee in der Hand. Im Gegensatz zu ihrer Tochter war sie bereits hellwach. „Ich kann dich dann gleich bei der Schule absetzen.“ „Prima“, war das einzige, was Aimee an diesem Morgen dazu sagen konnte.
Wenig später saßen die beiden im Auto, während Aimee aus dem Beifahrerfenster starrte und die Welt an sich vorüberziehen ließ. Andere Autos, die sie überholten, rückten in Aimees Blickfeld, die Bäume des Parks- und dann eine eiserne Kapuzengestalt. Sie fuhren gerade in der Nähe der Statue vorbei. In Aimee schrillten auf einmal alle Alarmsirenen, doch äußerlich blieb sie ganz ruhig. „Was ist los?“, dachte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Verdammt! Was ist nur mit dieser blöden Statue?“ Sie schloss die Augen für wenige Sekunden, dann öffnete sie sie wieder. Ihr Blick fiel wieder auf das Beifahrerfenster, durch dessen Scheibe sie wieder andere Autos sah- lauter graue Autos. Nichts Ungewöhnliches. Doch als Aimee den Baum sah, erschrak sie: Der Stamm des Baumes war grau, jedes einzelne Blatt in der prächtig blühenden Baumkrone war grau. Graue Bäume gab es nicht! Aimee drehte den Kopf panisch herum, doch ihre Befürchtung bewahrheitete sich: Alles um sie herum war grau. Es war, als befinde sie sich im Schwarzweißfilm. „Der falsche Film ist es allemal!“, dachte sie panisch und blickte zu ihrer Mutter. Doch der schien nichts Ungewöhnliches aufgefallen zu sein, sie war damit beschäftigt, das Auto durch den Verkehr zu lenken. Es musste eine Sinnestäuschung sein, was hier vor sich ging. Jedenfalls war es nicht mehr normal. Allmählich wurde es gruselig. Aimee blickte an sich herunter: Doch der Schwarzweißfilm, in dem sie sich befand, war zu perfekt. Sie war auch grau. Der Traum durchzuckte sie und nun bekam sie es langsam mit der Angst zu tun. Aimee war zum Schreien zumute, doch sie hielt den Mund.
In der Schule angekommen, versuchte sie zu vergessen, dass alles um sie herum grau war. Da sie allerdings, egal, wo sie hinblickte, alles in grau sah, konnte sie es nur schwer vergessen. „Ist alles in Ordnung?“, wollte Aimees Tischnachbarin Laura wissen, der Aimees betrübter Gesichtsausdruck aufgefallen war. „Irgendwie ist die Welt gerade so grau“, murmelte Aimee unverständlich, während sie ihre Buntstifte sortierte, die ebenfalls jegliche Farbe verloren hatten, Es war wirklich gruselig. „Solche Tage gibt es“, nickte Laura nachdenklich. „Da erscheint einem alles nur traurig und dunkel. Aber schau, was ich heute trage“, Sie deutete auf ihr T-Shirt, das in Aimees Augen natürlich auch keine Farbe besaß. „Knallpink vertreibt jegliche düstere Laune.“ Für Laura mochte das stimmen, für Aimee leider jedoch nicht. Im Unterricht war Aimee ziemlich abgelenkt und fragte sich die ganze Zeit, warum sie alles in grau sah. So, als hätte sich ein grauer Nebelschleier über die Welt gelegt. Alles erschien so unwirklich.

Text// Pamina Kollien

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